| Perspektiven-Spezial Guck mal Der Schritt in eine ungewohnte Welt muss nicht immer groß sein, um interssante Fotomotive zu endecken.  "Wer die Perspektive ändert, sieht die Dinge in einem ganz anderen Licht."  | Wir sehen tagtäglich eine große Anzahl Bilder. Immer häufiger sind es Fotos, die aus einer für uns meist schwer oder kaum selbst einzunehmenden Perspektive gemacht wurden: Fotos vom Mond, vom Weltall, vom Inneren des menschlichen Körpers oder riesige Landschaften, teils real, teils virtuell. Gleichzeitig nehmen wir unsere eigene, vertraute Umgebung eher diffus, die Dinge, mit denen wir leben, kaum noch in allen Einzelheiten wahr. Ebenso machen wir uns nur selten das Sehen als solches bewusst, oft nur gezwungenermaßen, wenn die Sehschärfe im Alter oder durch einen Unfall plötzlich beeinträchtigt ist. Nicht zuletzt, weil in der Regel alltägliches Chaos unsere Umgebung beherrscht, fällt uns dabei auch nicht auf, wie wir die Räume und die Dinge, die sich darin befinden, mit unseren Augen wahrnehmen: zentralperspektivisch, was ihre tatsächliche Form optisch verzerrt. Ein runder Esstisch erscheint alsOval und ein Bild an der Wand als Trapez, dessen Linien, ins Unendliche verlängert, sich im gemeinsamen Fluchtpunkt zu treffen scheinen. Dieses Phänomen des perspektivischen Sehens, ein Merkmal der menschlichen Wahrnehmung, wird einem jedoch in den gestalteten Räumen monumentaler Architektur, in Filmtotalen oder der Malerei der Renaissance bewusst gemacht. Maler wie Jacopo Tintoretto oder Albrecht Dürer "entdeckten" und studierten damals diese Fähigkeit der menschlichen Wahrnehmung und setzten sie gezielt und effektvoll ein. Letzterer schrieb darüber mehrere Werke, etwa die "Underweisung der Messung", die auch eine genaue Anleitung zur Konstruktion der perspektivischen Darstellung von Flächen, Körpern und Räumen enthält. | | Das Auge, eine Lochkamera Der Mensch nimmt die Welt in der Regel immer aus einer ähnlichen Perspektive wahr, nämlich aus der Höhe, in der sich die Augen befinden, mit einem Sichtfeld von etwa 140 Grad. Das menschliche Auge ist ähnlich wie eine Lochkamera gebaut und arbeitet nach dem Prinzip der Zentralprojektion. Das Sehvermögen anderer Lebewesen ist nicht nur anders beschaffen als das menschliche, es nimmt dieselbe Welt auch aus einem anderen Blickwinkel wahr: von oben aus der Luft oder unten vom Boden aus. Je nach Lebensraum ändert sich dadurch auch die Perspektive und die räumlichen Dimensionen. Für den Käfer sind Grashalme, was für den Menschen Bäume sind, und ein fliegender Vogel sieht einen Wald wie einen grünen Teppich. Wir können diese anderen Perspektiven bis zu einem gewissen Grad nacherleben, bis in extreme Dimensionen. Man denke nur an Google Earth, wo man sich nach Belieben von einem ganzen Kontinent bis in einen kleinen Vorgarten zoomen kann, oder an SF-Filme wie "Die phantastische Reise" von 1966, in dem ein U-Boot samt Besatzung geschrumpft wird und eine Reise durch den Körper eines Menschen unternimmt und unter anderem gegen weiße Blutkörperchen kämpft. Was wir sehen, bleibt an sich immer identisch - doch eine andere, ungewohnte Perspektive davon zeigt andere Aspekte und das neu Gesehene kann dadurch seine Bedeutung ändern. Doch man muss nicht immer das Extreme suchen, um Fotos davon zu machen. Wenn man sich die eigenen Sehgewohnheiten bewusst macht, kann man die gewohnte Perspektive verlassen und neue hinzugewinnen. Und das Beste ist: Eine gewöhnliche Digitalkamera reicht völlig aus, um Altbekanntes und Vertrautes neu zu entdecken und auch so zu fotografieren.
| Fluchtpunkt nutzen... Bereits die vertraute Zentralperspektive verändert gezielt eingesetzt je nach Betrachterposition und damit auch der Position innerhalb eines Bildes die Erscheinungsweise eines Bauwerks. Architekten setzen sie bei der Gestaltung gezielt ein, um einen monumentalen, überwältigenden Eindruck zu erhalten, solange der Betrachter sich innerhalb dieses zentralen Winkels bewegt. Die tatsächlichen Dimensionen des Bauwerks sind schwer erkennbar, es scheint höher beziehungsweise tiefer zu sein als es in Wirklichkeit ist. Dieser Eindruck ist in einem symmetrischen Bildaufbau am stärksten, Verzerrungen steigern noch den Eindruck der Nichtfassbarkeit. Verlegt man hingegen den Blickwinkel so weit seitlich des Betrachtungszentrums, dass sich der Fluchtpunkt hinter der Architektur befindet, so werden ihre tatsächlichen Proportionen fassbar und ein eher nüchterner Eindruck entsteht. Eine solche Aufnahme wäre zur Illustration eines Gebäudeplans geeignet. | | ... oder verdoppeln. Wer kennt nicht die "Carceri" des venezianischen Künstlers Giovanni Battista Piranesi, fantastische Ansichten von Kerkern, die endlos tief scheinende Fluchten von Korridoren zeigen, deren Fluchtpunkte mitunter auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Das löst beim Betrachter das Gefühl aus, den Boden unter den Füßen zu verlieren. In der Realität beobachtet man dergleichen nur selten, doch ausgerechnet draußen in der Natur, die eigentlich denkbar ungeeignet dafür erscheint, um Fluchtpunkte zur Bildgestaltung einzusetzen, bietet sich zum Beispiel im Wald ein Motiv: Ein sich gabelnder Waldweg führt den Betrachter gleichzeitig hinauf und hinab, durch die Krümmung, hinter der die Wege verschwinden, wird die Tiefe des Waldes irreal. Die Welt im kleinen Doch auch die Welt im Kleinen kann einem ungewöhnliche Ansichten bieten, ohne dass man dafür das Haus verlassen muss. Der durchschnittliche Leseabstand beträgt 40 cm. Nähert man sich dieser Artikelseite noch weiter, so verlieren die Wörter irgendwann ihren Zusammenhang und die Buchstaben erscheinen in ihrer zeichenlosen Abstraktheit. Die Größenverhältnisse verlieren ihre Gültigkeit und die narbige Oberfläche einer Zitrone könnte ebenso gut die kraterübersäte Landschaft eines fremden Mondes oder Planeten sein. Mit dem richtigen Ausschnitt der Wölbung und einer eher seitlichen Beleuchtung, wie man sie auf astronomischen Aufnahmen sehen kann, gelingt diese Illusion nahezu perfekt. Als Hintergrund sollte man allerdings nicht die bunte Milchtüte wählen, sondern eher einen schattigen Hintergrund oder weitere Planeten - sprich Orangen oder Pampelmusen. Das zur Zitrone gehörende Laubblatt hat sich durch das Trocknen gewölbt und eine kleine Landschaft aus Hügeln ist entstanden. Tipp: Um den idealen, überzeugenden Blickwinkel zu finden, bietet es sich an, mehrere Aufnahmen zu machen. Mit Tellern und Besteck ist schnell ein Behelfsstativ gebaut, und die Verwendung des Selbstauslösers garantiert verwacklungsfreie Bilder. Die Kontrolle der Bilder im Display lässt in der raschen Abfolge die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ansichten wie im Zeitraffer einer Bewegung um das Motiv gut erkennen.Sie brauchen also nicht so weit zu gehen wie das Schweizer Künstler-Duo Peter Fischli und David Weiss, die aus igarettenstummeln und gestapelten Morta dellaund Salami-Scheiben Menschen in einem Teppichladen in verkleinertem Maßstab nachbauten und abfotografierten, oder mit Wiener Würstchen Autounfälle nachstellten. Die "normale" Perspektive wurde hier auf andere Größendimensionen übertragen, um einen überzeugenden Eindruck eines Vergleichs zwischen Groß und Klein zu erzielen. Es lassen sich aber auch andere überraschende Aufnahmen von der Welt im Mikrokosmos des Haushalts machen. Die rote Tiefe Manchmal kommt einem der Zufall - beispielsweise in Form des Lichtes - zu Hilfe und lässt ein Einmachglas so aufleuchten, dass es plötzlich Aufmerksamkeit erregt und man zum ersten Mal genauer hinsieht, was sich da ansonsten unbemerkt in der roten Tiefsee abspielt: Da scheinen die Himbeeren ein unbekanntes Eigenleben zu führen und einen Tanz in der Schwerelosigkeit zu veranstalten. Das durch die rote Flüssigkeit rätselhaft erscheinende Licht im Glas hält jedem Vergleich mit einer Diskothek stand. Daher sollte man sich beim Fotografieren immer wieder bewusst machen, dass sich je nach Lichteinfall und -stärke die Atmosphäre ändert. Je nachdem erscheint der Inhalt des Einmachglases plastischer in seiner Dimension, wie unter Wasser, oder die Szene spielt sich diffuser und weniger greifbar mehr in einem räumlich schwer definierbaren Hintergrund ab. Tipp: Bei dieser Aufnahme wurde besonders darauf geachtet, dass sich die Spiegelung der Kamera im Glas außerhalb des Bildrahmens befindet. Manchmal scheint dies aber wie unmöglich zu sein, etwa weil die interessanteste Ansicht genau frontal ist. Abhilfe oder zumindest eine Reduzierung der Spiegelung schafft man mit einer schwarzen Pappe, in die man ein Loch in Größe der Linse geschnitten hat und sie zwischen Objektiv und Motiv hält. Die andere Lösung: Man setzt die Spiegelung gezielt als "allsehendes Auge" ein. | Mensch oder Tier Bei Experimenten mit ungewöhnlichen Perspektiven kann man auch gezielt die sonst eher verpönten optischen Verzerrungen im Nahbereich einsetzen, um beispielsweise das Starren einer Katze - quasi aus der ogelperspektive - zu unterstreichen. Der Körper wird so nur auf den Kopf und die Augen reduziert, die dreieckige Form, die aus Kopf mit den Ohren und den Vorderpfoten gebildet wird, dient ebenfalls der Steigerung des Effekts - ganz ohne nachträgliche Bildbearbeitung. Nicht zuletzt wird dem Fotografen dadurch das eigene Starren durch die Kamera bewusst und der übliche Blick des Menschen auf sein Haustier von oben durch das Zurückstarren der grünen Augen karikiert. Der Griff zur Flasche kann manchmal ungewohnte Folgen haben. Nicht wegen der alkoholischen Wirkung des Inhalts, sondern weil man beim Hineinsehen leicht das Gefühl bekommt, man würde durch ein geheimnisvolles Wurmloch durch Raum und Zeit reisen - nur um wieder am Flaschenboden und damit der gewohnten Sehweise anzukommen. Durch verschiedene Beleuchtung ließe sich der psychedelische Effekt noch steigern, denn Inszenierungen sind jederzeit erlaubt. Ein anderes Anwendungsbeispiel wäre etwa der Blick aus dem Kochtopf - man muss die Kamera ja nicht immer selbst halten, und kann sie so an Orten platzieren, wo man gar keinen Platz zum Fotografieren hat. Die Natur hingegen braucht keine Hilfe, um interessant und geheimnisvoll zu erscheinen. Da gilt es oft, einfach Glück zu haben und zur richtigen Zeit am richtigen eobachtungsstandort zu sein. Die Szene, die sich einem einfach ohne Zutun präsentiert, kann nicht mehr verbessert werden, wie etwa ein Fluss, der sich wie ein Band aus Licht durch die Dämmerung Richtung Horizont schlängelt und dabei zum Beispiel die Form eines Vogels annimmt. Wenn das Foto von einem senkrecht abfallenden Felsen aufgenommen wird, ist der Fluss auch im Vordergrund präsent und dominiert so die gesamte Landschaft. Der starke Kontrast zwischen Wasser und Land ordnet ihn eher dem Himmel zu und lässt ihn fast immateriell erscheinen. |  | Neue Perspektiven Es kann also durchaus interessant sein, eine Expedition durch die vertraute Umgebung zu unternehmen, um exotische Eindrücke zu erhalten - vorausgesetzt, man ist bereit, sich die eigenen Sehweisen nicht nur bewusst zu machen, sondern dann auch einmal zu verlassen und neue Wege zu gehen. Das Resultat solcher Aufnahmen aus ungewohnten Perspektiven kann mitunter beeindruckender sein, als in fremden Ländern das abzufotografieren, was man bereits in unzähligen Bildbänden und Reportagen perfekt abgebildet gesehen hat. Ein Foto ist nicht banal wegen des darauf abgebildeten Motivs, sondern wegen unseres Blickes darauf, der es in Pech oder Gold verwandelt. Der Künstler Lothar Baumgarten filmte Gemüsebeete so, als würde er eigentlich das Amazonas-Gebiet bereisen, bevor er später tatsächlich dorthin fuhr. Entscheidend ist also, dass man das Unbekannte im Bekannten wiedererkennt und auch zeigt. Dann ist man auch für das Fremde bereit. Licht und Schatten Der Schatten der im Foto abgebildeten afrikanischen Maske kann durchaus über sie etwas aussagen, das sie selbst gar nicht erkennen lässt. Im traditionellen Afrika ist der Geisterglaube Teil des täglichen Lebens, und das Bild des Schattens gibt davon etwas wieder und der Maske wieder etwas davon zurück. So erhält er im Bild eine gleichwertige Bedeutung. Und lässt etwas von der Magie der Fotografie erahnen. |